Kann man Srebrenica erklären?

Rezension des Buches “Der dümmste Krieg. Ein kurzer Weg nach Srebrenica” von Bogumil Balkansky für den Falter

Wie erzählt man von einem Krieg, der vor 30 Jahren vor unserer Haustür begann und sich durch unvorstellbare Grausamkeiten, systematische Vergewaltigungen und ethnische Säuberungen auszeichnete, bis er im Sommer 1995 vor den Augen der Weltöffentlichkeit in den Völkermord von Srebrenica mündete? Wie erzählt man von einem Krieg, von dem man persönlich und familiär betroffen war, obwohl man nichts mit ihm zu tun haben wollte? Bogumil Balkansky ist mit seinem neuen Buch „Der dümmste Krieg. Ein kurzer Weg nach Srebrenica“ ein Bravourstück gelungen. In lakonischem Ton, der dem Thema nichts von seiner Dramatik nimmt, sondern es nur umso eindrücklicher macht, nähert er sich dem Geschehen und erzeugt ein intellektuell wie emotional nachvollziehbares Bild jenes Grauens, das die verschiedenen Volksgruppen im einstigen Jugoslawien in seinen Sog gezogen hat.
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Ideologischer Tunnelblick auf das „Feindbild Islam“

Mit „Feindbild Islam: Über die Salonfähigkeit von Rassismus“ hat der Politikwissenschaftler Farid Hafez ein ideologisch gefärbtes Buch vorgelegt, das vor allem durch historische Fehler und Auslassungen auffällt. 

Wenn man glaubt, eine große, alles erklärende Theorie gefunden zu haben, läuft man Gefahr, die Wirklichkeit aus den Augen zu verlieren. Fakten werden durch den Filter dieser Theorie wahrgenommen, aussortiert wird alles, was dieser nicht entspricht, aufgewertet alles, was diese zu stützen scheint. Um ein Karl Kraus zugeschriebenes Zitat zu verwenden: Das Ergebnis ist dann oft so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil richtig ist.

Ein paar einfache Tricks

Das neue Buch des österreichischen Politikwissenschaftlers Farid Hafez trägt den Titel „Feindbild Islam: Über die Salonfähigkeit von Rassismus“ und liefert hierfür ein gutes Beispiel. Seine Theorie baut auf einigen kleinen Taschenspielertricks auf:
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Die Franken

„Was gehen uns ‚die Franken‘ an?“ fragt der Historiker Bernhard Jussen gleich zu Beginn seines Buches, um dann auf den folgenden rund 120 Seiten auszuführen, in wieweit wesentliche Grundlagen jener Kultur, die Europa heute ausmacht und sie von anderen kulturellen Räumen unterscheidet, in den fünf Jahrhunderten fränkischer Kultur geschaffen wurden. Zunächst erklärt er fundiert und verständlich die Voraussetzungen, die „die Franken“, ihre Gesellschaft und Kultur ermöglichten und beförderten, etwa die

Siegelring mit dem Bildnis Childerichs und Aufschrift CHILDIRICI REGIS („[Besitz] des Königs Childerich“).

Siegelring mit dem Bildnis Childerichs und Aufschrift CHILDIRICI REGIS („[Besitz] des Königs Childerich“).

Randlage Galliens innerhalb des Römischen Reiches. Seit dem 3. Jahrhundert waren in dieses Gebiet fränkische Bauern und Krieger eingewandert. Anders als die Goten oder Vandalen kamen sie jedoch nicht als Eroberer, sondern als Siedler, die sich unter die autochthone romanische Bevölkerung mischten. Ihre Krieger waren als Experten im römischen Heer
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Schule ohne Rassismus?

In einem Artikel in der Welt kritisierte Alan Posener unlängst das aktuelle Themenheft „Rassismus erkennen & bekämpfen“ des Netzwerks Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. Der Geschäftsführer des Netzwerks, Eberhard Seidel, reagierte auf diese Kritik mit einem längeren Kommentar. Als ich ihn darauf hinwies, dass seine Ausführungen an der Kritik Poseners vorbeigehen, bot er mir an, mir dieses Themenheft (und einige weitere) zuzusenden, damit ich die inkriminierten Stellen im Zusammenhang lesen und mir selbst ein Bild machen könne. Das habe ich getan. Weiterlesen

Buchempfehlung: Schwarzbuch Menschenrechte

“Schwarzbuch Menschenrechte” – das Buch der österreichischen Politikwissenschaftlerin und Journalistin Irene Brickner gibt einen kritischen Überblick über die Lage der Menschenrechte in Österreich.

In fünf Kapitel behandelt die Autorin Menschenrechtsverstöße auf verschiedenen Ebenen von Staat und Gesellschaft: Gesetze, die etwa das Recht auf Asyl einschränken; Gerichte, die die Verteidigung der Angeklagten behindern; Verwaltungsakte, die die Würde des/der Einzelnen in Frage stellen; nicht oder unzureichend vorhandener Schutz vor alltäglichen Diskriminierungen wie etwa bei der Arbeits – oder Wohnungssuche und vieles mehr.

Statt einer theoretischen Auseinandersetzung mit dem Thema Menschenrechte beschreibt die Autorin die Missachtungen grundlegender Rechte und deren praktische Auswirkungen. Anhand exemplarisch geschilderter Schicksale werden diese Auswirkungen anschaulich Weiterlesen

Der zerstörte Traum

Nach vielen Jahren ist mir unlängst wieder ein Buch in die Hände gefallen, das hiermit wärmsten empfohlen sei: Joachim Fest, Der zerstörte Traum. Vom Ende des utopischen Zeitalters, Berlin 1991.

Zwei Jahre nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Experiments in Osteuropa verfasste Joachim Fest diese kleine Schrift; ein Essay, in dem er einen großen Bogen spannt von den frühen literarischen Utopien eines Weiterlesen

Joachim Gauck und die Freiheit

Bundespräsident Joachim Gauck lässt mich nicht los. Nach der Lektüre seines schmalen Bändchens „Freiheit. Ein Plädoyer“ (Kösel-Verlag München 2012) ist mir die Kritik einiger Vertreter der ehemaligen kirchlichen Opposition der DDR im bereits an anderer Stelle erwähnten offenen Brief auch inhaltlich noch weniger verständlich als zuvor, denn Joachim Gauck tritt leider gerade nicht für die von ihnen kritisierte individuelle Freiheit und „individuelle Selbstermächtigung“ ein.

Auf rund 50 Seiten im Format A6 tut er seine Gedanken zu Freiheit, Verantwortung und Toleranz kund. Aus seinen Zeilen spricht allerdings mehr der Pastor als der mündige Bürger, mehr der erhobene Zeigefinger als der Ruf nach Bürgerrechten. Symptomatisch dafür ist die an zentraler Stelle platzierte Frage: „Und du, wozu bist du imstande, wofür willst du dich einsetzen? Wie willst du Freiheit gestalten?“ (S. 22) Freiheit impliziert für Joachim Gauck die Verpflichtung zu gutem Handeln: „Ich nenne die Freiheit der Erwachsenen ‚Verantwortung‘.“ (S. 26, sowie der Schlusssatz auf S. 62) Offensichtlich glaubt er, aus seiner persönlichen Vorstellung davon, was er mit seiner individuellen Freiheit anzufangen gedenkt – gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen –eine ähnliche Verpflichtung für alle ableiten zu können. Damit aber bedeutet sein  Begriff von „Freiheit“ dann nicht mehr individuelle Freiheit. Vielmehr ist die oder der Einzelne in dieser Sicht, ganz der protestantischen Ethik folgend, auf einen gesellschaftlich nützlichen Platz berufen. Untermauert wird diese Vorstellung mit fast schon demagogischen Beispielen, die einer Predigt entnommen sein könnten, und ein dem Menschen quasi angeborenes Bedürfnis unterstellen, sich für andere einsetzen zu dürfen. Darin, dass die/der Einzelne sich für geliebte Menschen (Partner, Partnerin, Kinder) verantwortlich fühle und bereit sei, sich für diese zu opfern, zeige sich ein menschliches Grundbedürfnis zur Verantwortung für andere, für die Gesellschaft, für die Menschheit: „Wir begreifen: Wir sind geboren zur Lebensform der Bezogenheit.“ (S. 29) Die Fähigkeit des Menschen, Verantwortung für andere zu übernehmen, wird bei Gauck zur angeborenen Verpflichtung: „Unsere Fähigkeit zur Verantwortung ist somit nicht etwas, das durch Philosophen, Politiker oder Geistliche quasi von außen in unser Leben hineingebracht würde, sie gehört vielmehr zum Grundbestand des Humanum. Wir verlieren uns selbst, wenn wir diesem Prinzip nicht zu folgen vermögen.“ (S. 36)

Es ist nichts dagegen einzuwenden, andere zu mehr Verantwortung und Engagement anspornen zu wollen. Aber darüber hinaus in beiden eine Verpflichtung zu sehen, durch die sich erst die Freiheit des Menschen offenbare, erinnert fatal an den Aktivbürger der antiken griechischen Polis; es erinnert an die Pflicht zur Beteiligung in kollektivistischen Systemen und ist schlicht eine Anmaßung. Damit erhebt Gauck seine persönliche Meinung zum gesellschaftlichen Imperativ. Individuelle Freiheit ist jedenfalls etwas anderes. Aus gutem Grund kennen moderne demokratische Staaten keine Wahlpflicht mehr, sondern nur ein Wahlrecht. Die Freiheit des mündigen Bürgers zeigt sich, anders als der Bundespräsident zu glauben scheint, gerade darin, nicht mittun zu müssen, sich nicht beteiligen zu müssen, sondern ein Recht darauf zu haben, in Ruhe gelassen zu werden. Die Forderung, nur gut handeln zu dürfen, also Freiheit nur in einer Richtung nutzen zu dürfen, stellt – ganz abgesehen von dem philosophischen Problem, was denn nun gut und richtig ist – die Freiheit prinzipiell in Frage. Freiheit verdient diesen Namen nur, wenn sie die/den Einzelnen nicht nur dazu ermächtigt, richtig zu handeln, sondern auch dazu, falsch zu handeln, nicht nur gut, sondern auch schlecht. Verantwortung besteht dann allein darin, bereit zu sein, die Folgen des eigenen Handelns zu tragen. In Freiheit handeln heißt, selbst-verantwortlich zu handeln.

PS: Der Vollständigkeit meiner Kritik halber sei aber auch erwähnt, dass seine Ausführungen zu Toleranz, Menschenrechten und Europa im letzten Viertel des Bändchens auf dem knappen Raum äußerst prägnant und präzise den Kern der Probleme treffend, dargestellt sind.